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Rollkugel

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Die Geschichte der Rollkugel

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In den 1950er-Jahren beschäftigt sich ein kleines Team der Telefunken-Rechnerentwicklung unter der Leitung von Rainer Mallebrein mit digitalen Sichtgeräten für die Luftraumüberwachung.

Ziel ist, die Flugzeuge nicht nur als flackernde Radarpunkte, sondern als digitalisierte und mit zusätzlichen Informationen versehene Objekte auf den Luftverkehrsstraßen anzeigen zu können. Für diese Arbeitsplätze werden spezielle Vorrechner und Sichtgeräte entwickelt, die nur für die Anzeige und Eingabe zuständig sind.

Schon bald stellt sich heraus, dass die Lots*innen Flugbahnen und Flugzeuge am Bildschirm auch "anfassen" und markieren können sollten. Nach zahlreichen Versuchen, zum Beispiel mit Ultraschallvorhängen, kommt der Trackball zum Einsatz. Die Rollkugel ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfunden.


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In den späten 1960er-Jahren ist es dann so weit: Mallebrein startet mit seinem Team die Entwicklung der Rollkugelsteuerung. Sie soll einfacher zu bedienen sein als die Trackballsteuerung, die bei den Sichtgeräten der Flugsicherung zum Einsatz gekommen ist.

Die Umsetzung der Kugelbewegungen in elektrische Impulse bereitet dem Team keine großen Kopfschmerzen. Allerdings gibt es Probleme mit der Datenübertragung von der Rollkugelsteuerung zum Eingaberechner. Denn die verwendeten Datenleitungen und Rechner-Interfaces sind zu dieser Zeit einfach nicht schnell genug.

Deshalb gibt es im Team einen Mathematiker, der sich um die Datenreduktion kümmern muss. Denn bei schnellen Bewegungen über große Strecken darf es keine Sprünge des Cursors über den Bildschirm geben.

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Das Datensichtgerät SIG-100 mit Rollkugelsteuerung
Das Datensichtgerät SIG-100 mit Rollkugelsteuerung
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1969 bringt Telefunken die Rechneranlage TR 440 auf den Markt. Sie erfreut sich vor allen Dingen bei deutschen Universitäten großer Beliebtheit. Die Rollkugelsteuerung wird als Spezialzubehör für das Sichtgerät "SIG 100" vermarktet. 1.500 DM kostet die Rollkugelsteuerung vom Typ „RKS 100-86“ - das entspricht zu dieser Zeit etwa einem Drittel des Kaufpreises für einen VW Käfer. Vor diesen hohen Kosten schrecken dann doch viele Hochschulen zurück. Deshalb wurden auch nur gut 50 Stück davon verkauft.

Aber auf Interesse stößt die Rollkugelsteuerung überall dort, wo es schon um die Verarbeitung von grafischen Daten geht - zum Beispiel im Bauingenieurswesen. Denn die Rollkugel kann mehr als der bereits etablierte Trackball.

Sie lässt die Hand der Computeranwender*innen mit dem Cursor auf dem Bildschirm verschmelzen. Eingabegerät und Bildschirm werden als Einheit erfahren. Das macht die Arbeit mit der Rollkugel so intuitiv.

Das Datensichtgerät SIG-100 mit Rollkugelsteuerung
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Douglas C. Engelbart (2008), Foto: Alex Handy CC BY-SA 2.0
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Tatsächlich werden die Rollkugelsteuerung und die Computer-Maus fast zur gleichen Zeit erfunden und entwickelt: die Rollkugel bei Telefunken in Konstanz am Bodensee und die Computermaus am Stanford Research Institute in Menlo Park in Kalifornien.

Rainer Mallebrein und seine Kolleg*innen veröffentlichen am 1. Oktober 1968 die Idee der Rollkugelsteuerung als Eingabegerät in einer Telefunken-Zeitschrift. Gut zwei Monate später, am 9. Dezember 1968, stellt der amerikanische Ingenieur Douglas C. Engelbart seine Computermaus auf einer Computerkonferenz vor.

Der Unterschied: Maus-Räder statt Rollkugel. Engelbarts Computermaus erfasst die Bewegung der Hand mit je einem an der Unterseite eingelassenen Drehrad für die X- und die Y-Richtung. Die Rollkugelsteuerung hingegen übersetzt mit der Kugel eine Handbewegung unmittelbar auf Codegeber in X- und Y-Richtung.

Douglas C. Engelbart (2008), Foto: Alex Handy CC BY-SA 2.0
Douglas C. Engelbart (2008), Foto: Alex Handy CC BY-SA 2.0
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Das Deutsche Patent- und Markenamt in München, Foto: Burkhard Mücke - CC BY-SA 4.0
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Die beiden Entwickler Rainer Mallebrein und Douglas C. Engelbart betreiben ihre Entwicklungen völlig unabhängig voneinander und tauschen sich auch nicht darüber aus. Mallebrein erfährt erst sehr viel später von Engelbarts Aktivitäten - und von dessen Patent.

Denn Engelbart meldet seine Maus unter dem Titel „X-Y-Positionsanzeiger für ein Bildschirmsystem“ beim amerikanischen Patentamt an und bekommt im November 1970 die Zuteilung des Maus-Patents mit der Nummer 3.541.541. Auch Telefunken meldet die Rollkugelsteuerung zum Patent an. Doch das Team von Rainer Mallebrein hat Pech. Die Beamt*innen des Deutschen Patentamtes in München urteilen, die Rollkugel habe eine zu geringe Erfindungshöhe.

Millionen Computernutzer*innen und die weltweite Computerindustrie sahen und sehen das anders und nutzen bis heute Computermäuse.


Das Deutsche Patent- und Markenamt in München, Foto: Burkhard Mücke - CC BY-SA 4.0
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Optische Maus mit Infrarot-LED und Bildsensor
Optische Maus mit Infrarot-LED und Bildsensor
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Auch wenn das Deutsche Patentamt und Mallebrein selbst an der Erfindungshöhe der Rollkugelsteuerung zweifeln: Ihr Prinzip der Wegaufnahme und Umsetzung in elektrische Signale über die rollende Kugel setzt sich durch. Deshalb hat auch die Computermaus für lange Zeit eine Kugel in ihrem Bauch, bevor sie ab 1987 durch ein optisches System aus Leuchtdioden und Bildsensor ersetzt wird.

Doch nicht das geniale Konstruktionsprinzip gibt den Ausschlag für den weltweiten Durchbruch, sondern die Anwendung: Erst durch die Maus wird eine wirklich intuitive und einfach zu bedienende Verbindung zwischen Mensch und Maschine hergestellt.

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Frühe Versionen der Computermaus, Foto: Valentin Schwind
Frühe Versionen der Computermaus, Foto: Valentin Schwind
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Spätestens mit dem Apple Macintosh in den 1980er-Jahren tritt die Computermaus ihren Siegeszug an. Und auch die Home-Computer wie der legendäre Amiga lassen fortan eine intuitive Computernutzung mittels Maus zu. Microsoft braucht seinerzeit noch ein wenig, um sein PC-Betriebssystem  MS-DOS auf die Maus einzustellen und eine grafische Oberfläche dafür zu entwickeln.

Nicht mehr wegzudenken sind die Mäuse aus den Konstruktionsabteilungen vieler Unternehmen. Computer Aided Design und andere effiziente Entwurfsmethoden sind ohne Maus gar nicht denkbar. Die Apollo Workstation und die legendären High-Class-Rechner von Sun mit ihren zahlreichen Konstruktionsanwendungen lassen die Maus zum meistgenutzten Handwerkszeug der Ingenieur*innen werden.

Frühe Versionen der Computermaus, Foto: Valentin Schwind
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Tim Berners-Lee, Foto Uldis Bojārs - CC BY-SA 2.0.
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1989 legt der britische Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee mit dem Hypertext-Konzept die Grundlagen für das World Wide Web. Das WWW stößt in den 1990er-Jahren auf sehr viel Akzeptanz und wächst rasant. Grafische Benutzeroberflächen werden immer wichtiger und populärer.

Die Computermaus ist das universelle Instrument, um sich im World Wide Web zu bewegen, mit einem einzigen Klick auf einen Link einen neuen Raum im WWW-Universum zu betreten oder um durch die vielen Hypertextangebote zu navigieren.
Tim Berners-Lee, Foto Uldis Bojārs - CC BY-SA 2.0.
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Fingergesten auf Tablet-Computer, Foto: Bin im Garten, CC BY-SA 3.0
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Touchscreen statt Maus, 4K-Bildschirmwände statt eines Einzel-Displays, ganz neue Bedienkonzepte für kleinere Icons auf größeren Flächen - in der Informationstechnik läuft die Entwicklung rasend schnell.

Neue Bedienkonzepte, effektivere Peripheriegeräte, mehr Benutzerkomfort sind gefragt. Die Computermaus geht da spannenden Zeiten entgegen - höchst lebendig.
Fingergesten auf Tablet-Computer, Foto: Bin im Garten, CC BY-SA 3.0
Fingergesten auf Tablet-Computer, Foto: Bin im Garten, CC BY-SA 3.0
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Rainer Mallebrein, Foto: privat
Rainer Mallebrein, Foto: privat
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So weit die Geschichten von der Rollkugelsteuerung und der Computermaus. Sie zeigen wie viele andere Technikgeschichten auch, dass gute Ideen oft nicht nur eine Mutter oder einen Vater haben, sondern viele. Und oft ist es dann purer Zufall, was sich aus "genialen Ideen" entwickelt.

Ein bisschen hängt der Erfolg auch davon ab, welchen Namen man dem Kind gibt. Der Amerikaner Douglas  C. Engelbart nannte sein Kind ganz einfach „Maus“.

Rainer Mallebrein - ganz der Techniker - blieb sachlich: „Rollkugelsteuerung“.

Rainer Mallebrein, Foto: privat
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